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Waldpädagogik, Wildnispädagogik, Naturpädagogik und co. Was ist eigentlich der Unterschied?

Jun 20, 2021Mit Kindern in den Wald, So bist du richtig unterwegs6 Kommentare

Als Waldpädagogin bin ich schon viel länger unterwegs, wie als Rangerin. Damals vor knapp 20 Jahren, gab es noch nicht so viele verschiedene “grüne” Ausbildungen im pädagogischen Bereich.

Heute ist das aber ganz anders.

Warum es aber überhaupt so viele verschiedene Ausbildungen gibt und was sie voneinander unterscheidet, das erfährst du in diesem Artikel: 3 gute Gründe, um mit deinem Kind öfter in den Wald zu gehen

Vitamin N(atur) Mangel

Wenn du jetzt glaubst, das ist doch alles nur ein Trend, dann muss ich dich enttäuschen. Klar ist das Arbeiten in der Natur ein Traumjob, das weiss ich ja nur zu gut. Aber es gibt auch echten Bedarf an pädagogischem Personal, das sich in Naturthemen weitergebildet hat.

Warum?

Weil sich die Gesellschaft immer mehr aus der Natur und den Wäldern zurückzieht und im wahrsten Sinne unter Natur-Mangel leidet. Je nach Definition des Begriffs, wird sogar von einer Natur-Defizit-Störung gesprochen.

Nicht selten höre ich im Kindergarten 5-jährige Kinder sagen, sie seien noch nie in ihrem Leben im Wald gewesen. Dabei ist es aber gerade für kleine Kinder enorm wichtig, dass sie den Bezug zur Natur haben.

Drei der vielen Gründe warum denn regelmässige Waldbesuche für dein Kind wichtig sind, erkläre ich in diesem Video.

Es sind aber nicht nur die Kinder, die an Natur-Mangel leiden. Nein. Auch überarbeitete Erwachsene brauchen Wildnis, um wieder zurück zu sich selber zu finden.

Nicht umsonst verschreiben Ärzte in Japan, Waldbaden als Stressprophylaxe. Japanische Forscher haben schon vor mehreren Jahrzehnten festgestellt, dass der Wald nicht nur einen positiven Einfluss auf unser Wohlbefinden hat, sondern auch unser Immunsystem stärkt.

Die Lösung: Wald

Der Wald bietet dem Mensch viele Vorteile. Abseits der Zivilisation fühlen wir uns wie in einem Mini-Urlaub, das viele Grün lässt uns entspannen und den Blutdruck senken und unsere Gedanken können sich vom Alltagsstress erholen.

Kinder können im Wald viele Erfahrungen sammeln, die sie an keinem anderen Ort machen können. Wühlen im Dreck, Käfer fangen, auf Bäume klettern und die Umwelt kennenlernen, um ein paar zu nennen.

Wer sich jetzt aber nicht gewohnt ist, mehr oder weniger regelmässig in den Wald zu gehen, hat in aller Regel eine grosse Hemmschwelle vor sich.

Welche Ausrüstung brauche ich?

Wo kann ich überhaupt in den Wald?

Was mache ich dort mit den Kindern?

Was mache ich, wenn sich die Kinder langweilen?

Das sind Fragen, die mir regelmässig von Eltern gestellt werden, die zusammen mit ihren Kindern mehr Zeit im Wald verbringen möchten.

An dieser Stelle kommt dann oft ein geführter Familien-Anlass in Spiel, oder auch ein Angebot das nur für Kinder ist.

Mit dem Profi in den Wald – was habe ich davon?

Tatsächlich höre ich oft die Frage, warum man denn Geld ausgeben soll, um in den Wald zu gehen. Das könne man doch auch selber machen.

Grundsätzlich, ja. Natürlich kannst du alleine mit deinen Kindern den Wald erkunden.

Aber eine geführte Tour z.B. mit einem Waldpädagogen bietet dir und deinen Kindern viele Vorteile:

  • Du musst nichts vorbereiten und ausser eurer persönlichen Verpflegung auch keinerlei Material mitnehmen.
  • Du musst nicht ständig am Smartphone Mister Google befragen, um die Fragen deiner Kinder zu beantworten. Der Profi bringt das Wissen mit.
  • Du lernst neues Wissen über Pflanzen, Tiere und das Verhalten im Wald (sogar geübte Waldbesucher lernen auf geführten Waldtouren immer etwas Neues dazu)
  • Die Spiele und Aktivitäten sind genau auf das Alter deiner Kinder abgestimmt und bieten einen guten Mix von Lernen und Spielen.

Pädagogik im Grünen – die verschiedenen Richtungen

So viele verschiedene Menschen es gibt, genauso viele verschiedene Interessen gibt es. Mit dem Waldbesuch verhält sich das genau gleich.

Die einen mögen es zu meditieren im Wald, andere möchten sich dort gerne auspowern und Sport machen. Andere wiederum versinken in Naturbeobachtungen und weitere in Schatzsuche-Spielen. Einige möchten ganz zurück zu den Wurzeln und üben sich in Überlebenstrainings und anderen wiederstrebt das völlig.

Darum gibt es so viele verschiedene Ansätze.

Eines haben sie aber alle gemeinsam. Sie wollen Menschen im Herzen berühren, damit wir wieder zurück zur Natur und zu uns selbst finden.

Nachfolgend stelle ich dir die bekanntesten grünpädagogischen Richtungen vor. Die Liste ist nicht abschliessend.

Umweltpädagogik (naturbezogene Umweltbildung)

Natur- und Umweltpädagogik werden oft in einem Namen genannt und tatsächlich überschneiden sich diese beiden Ansätze. Um genauer zu unterscheiden, spricht man heute darum von Naturbezogener Umweltbildung.

Naturbezogene Umweltbildung (NBU) will Natur- und Umweltthemen vermitteln und zwar nicht in trockene Theorie verpackt, sondern immer im direkten Tun, Beobachten und Erleben.

Durch konkrete Beobachtungen lernen z.B. die Kinder so, wie sich der Löwenzahn fortpflanzt oder wie sich eine Blaumeise bei Gefahr verhält.

Naturbezogene Umweltbildung (oder Umweltpädagogik) kann darum als Überbegriff für alle Ansätze verstanden werden, die sich in irgendeiner Form der Vermittlung von Umwelt- und Naturthemen widmet.

Naturpädagogik

Mit der Naturpädagogik hat alles angefangen. Sie war der Startschuss für die heutige Umweltbildung und all ihre Facetten. Der Begriff wird erstmals vom Amerikaner Joseph Cornell verwendet, der in den 1980-er Jahren sein erstes Buch darüber veröffentlicht.

Die Naturpädagogik will die Neugierde für naturwissenschaftliche Zusammenhänge wecken. Sie will das Wissen über den Zyklus und die komplexen Zusammenhänge der Natur, spielerisch vermitteln.

Naturpädagogen bringen in aller Regeln einen pädagogischen Hintergrund mit, sind ausgebildete Lehrpersonen oder Erzieher. Sie können das Wissen in den Schulunterricht einfliessen lassen oder auch eigenständige Angebote anbieten.

Die Grenzen zwischen Natur- und Umweltpädagogik sind fliessend.

Mit Kindern die Natur erleben – der Klassiker von Joseph Cornell

In meinen Augen ein Must-Have für jeden Pädagogen und alle Eltern, die gerne ihren Kindern Umweltthemen näher bringen möchten.

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Waldpädagogik

Die Waldpädagogik versteht sich als Teil der Naturpädagogik. Sie verfolgt die selben Arbeitsweisen und Ideen wie die Naturpädagogik, beschränkt sich aber auf das Ökosystem Wald.

Waldpädagogik beschäftigt sich ausserdem noch mit forstlichen und jagdlichen Themen. Eben alles was mit dem Wald irgendwie zusammenhängt.

Waldpädagogen bringen daher meist eine forstliche und/oder eine jagdliche Ausbildung mit, bevor sie die Ausbildung beginnen.

Der Wald bietet viele Vorteile als Lehr- und Lernraum. An keinem anderen Ort finden sich so viele verschiedene Pflanzen- und Tierarten, die sich beobachten lassen. An keinem anderen Ort darf man laut und leise zur gleichen Zeit sein.

Kein anderer Ort ist so enorm wichtig für unsere Zukunft. Der Wald bietet uns Erholungsraum, Sauerstoff, Schutz vor Steinschlag, Lawinen und Hochwasser, Reduzierung der Themperatur und noch vieles mehr.

Wildnispädagogik

Im Vergleich zu den oben genannten Ansätzen, wirkt die Wildnispädagogik schon fast ein wenig exotisch.

Sie hat ihren Ursprung aus den Lebens- und Lernweisen von Naturvölkern. Dabei spielen indianische Traditionen wie das Fährtenlesen, die Vogelsprache verstehen und das Naturhandwerk eine wichtige Rolle.

Wildnispädagogik will den Umgang mit einer “ursprünglichen” Natur fördern und dabei auch Techniken und Fertigkeiten lehren, um sich in der Natur heimisch zu fühlen (z.B. Feuer machen ohne Anzünder).

Das primäre Ziel der Wildnispädagogik ist nicht die Wissensvermittlung, sondern das herstellen einer inneren Naturverbindung.

Wildnispädagogen kennen sich oft auch mit Überlebenstechniken aus.

Erlebnispädagogik (oder Natur-Erlebnispädagogik)

In der Erlebnispädagogik liegt der Fokus auf dem Erlebnis in der Natur. Es geht weniger darum Naturwissen zu vermitteln, sondern die Natur als Schauplatz für Erlebnisse zu nutzen.

Im Vordergrund stehen oft dynamische Gruppenprozesse und Gruppenaktivitäten die, die Teilnehmenden in ihrer Sozialkompetenz fördern sollen.

Erlebnispädagogen arbeiten oft in der Erwachsenenbildung.

Was ist denn nun das richtige für mich und mein Kind?

Keiner dieser Ansätze ist richtig oder falsch. Alle “grünen” Profis möchten nur eines, dich und dein Kind für die Natur begeistern!

Ob das nun in einem Schulzimmer stattfindet oder während dem Übernachten im Wald, ist abhängig davon, mit was ihr euch am wohlsten fühlt.

Die Grenzen sind übrigens auch nicht immer klar getrennt. Oft bringen die Profis verschiedene Ausbildungen mit und kennen sich in verschiedenen Bereichen aus.

Schreibe mir doch in die Kommentare, wie naturverbunden fühlst du dich? Würdest du im Wald unter freiem Himmel übernachten?

6 Kommentare

  1. Das ist sehr interessant, die Unterschiede zwischen den einzelnen Richtungen waren mir überhaupt nicht bekannt. Vielen Dank fürs Erklären!
    Ich fühle mich grundsätzlich in der Natur extrem sicher, gut aufgehoben und verbunden, sicherer als manchmal in der Großstadt. Ob’s fürs Übernachten reichen würde – wenn ich nicht ganz allein wäre, vermutlich schon. Aber ich müsste mich sehr an die Geräusche gewöhnen, die man nachts ganz anders wahrnimmt …

    Antworten
    • Liebe Birgit, ja, nachts ist das schon etwas besonderes. Wobei ich die Erfahrung gemacht habe, dass wenn man die Geräsche einordnen kann, sie gar nicht mehr so unheimlich klingen.

      Antworten
  2. Der Wald ist mein Refugium, wenn gar nichts mehr geht. Und ich fände es toll, fachmännische Anleitung zu haben für meine “Entdeckungsreisen”. Jemand, der mir in jeder Hinsicht die Augen öffnet, für unbekanntes Terrain.

    Antworten
    • Liebe Susanne, du nimmst mir die Worte aus dem Mund. Sogar ich liebe es mit anderen waldkundigen Personen unterweg zu sein. Man lernt ja schliesslich nie aus 🙂

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  3. Vielen Dank für die Erklärung 😊
    Bin täglich im Wald unterwegs mit meinen Tieren (Pferde & Hunde)
    Biete aber auch für Kinder “Waldbaden” an. Sie sind so zu begeistern ☺️ für den Wald 🌳🌲

    Antworten
    • Gern geschehen 🙂

      Ja, Waldbaden kommt zu den ganzen Bewegungen natürlich auch noch dazu. Obwohl das Waldbaden eigentlich auch in alle aufgeführten Richtungen einfliesst. Ich kenne keinen Waldpädagogen, der nicht irgendwo eine Achtsamkeitsübung in seine Führungen einbaut.

      Antworten

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Hier schreibt Madeleine Gersbach

Hier schreibt Madeleine Gersbach

Rangerin und Waldpädagogin

 

Ich bin Mami, Wald-Liebhaberin und Teilzeit-Bloggerin. Auf meinem Blog schreibe ich über meinen Beruf als Rangerin, Tipps für deinen Besuch in der Natur, über Aktuelles aus dem Wald und natürlich über mich als Person.

Ausserdem zeige ich dir die schönsten Plätze im Zürcher Unterland.

 

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