Freispiel im Wald – warum es auf Waldführungen nicht immer gelingt und wie du Grundschulkinder gut begleitest

2. Feb. 2026 | Waldpädagogik in der Praxis | 0 Kommentare

Auf meinen Artikel 5 Dinge, die ich nach 20 Jahren als Waldpädagogin nicht mehr mache habe ich eine E-Mail bekommen, die mich sehr berührt hat. Eine Kundin und erfahrene Waldpädagogin schrieb mir, wie sehr sie zwischen zwei Polen steht: dem Wunsch, den Waldtag für die Kinder perfekt zu gestalten und dem Gefühl, dass dabei kaum noch Raum für freies Spiel bleibt.

Vielleicht kennst du das auch.

Du bereitest spannende Aktionen vor, vermittelst Wissen achtsam und kindgerecht, verknüpfst Inhalte mit dem, was vor Ort sichtbar ist. Und trotzdem bleibt da dieses leise Unbehagen: Wann dürfen die Kinder eigentlich einfach nur sein?

Gleichzeitig sind viele Kinder mit einem komplett freien Spiel im Wald überfordert. Besonders bei Grundschulkindern zeigt sich das sehr häufig. Sie wissen nicht, was sie tun sollen, weil es weder jemanden gibt, der ihnen sagt, was sie tun sollen, noch gibt es vorgefertigte Spielsachen. Es entsteht Langeweile, die nicht selten lautstark geäussert wird.

Dieser Artikel ist eine Einladung, genauer hinzuschauen. Nicht mit dem Anspruch, alles richtig zu machen. Sondern mit dem Wunsch, Kinder heute realistisch, wertschätzend und gut begleitet im Wald zu erleben.

Freispiel ist eine Fähigkeit – keine Selbstverständlichkeit

Viele von uns sind mit viel freiem Spiel draussen aufgewachsen. Wir haben Hütten gebaut, Stöcke gesammelt, Wege erfunden. Der Wald war Spielplatz, Rückzugsort und Abenteuerraum zugleich.

Für viele Kinder heute ist das nicht mehr selbstverständlich.

Freispiel im Wald ist eine Kompetenz, die sich entwickeln darf. Sie entsteht nicht automatisch beim ersten Aufenthalt draussen und schon gar nicht bei einem einzelnen Waldtag.

Wenn Kinder im Wald scheinbar „nichts wissen mit sich anzufangen“, ist das kein Zeichen von Desinteresse oder fehlender Fantasie. Oft zeigt es einfach, dass ihnen Erfahrungsräume fehlen.

Diese Erkenntnis entlastet. Denn sie verschiebt den Blick weg von der Frage: Was mache ich falsch? hin zu: Was brauchen diese Kinder jetzt?

Einzelanlass oder regelmässige Waldtage – das macht einen grossen Unterschied

Ein Punkt ist mir besonders wichtig: Ein solches Defizit lässt sich nicht mit einer einzelnen Führung beheben.

Gruppen, die regelmässig in den Wald gehen, sind klar im Vorteil. Meine Erfahrung zeigt: Wenn Kinder etwa einmal pro Woche im Wald sind, brauchen sie oft rund 6–8 Wochen, um den Wald als Spiel- und Lernraum wirklich anzunehmen.

In dieser Zeit passiert viel:

  • Unsicherheit legt sich
  • erste eigene Ideen entstehen
  • der Wald wird vertrauter

Wenn du eine Gruppe jedoch nur einmal begleitest, sind deine Möglichkeiten naturgemäss begrenzt. Und genau deshalb braucht es hier realistische Erwartungen und oft auch einen Plan B.

Freispiel ja – aber mit Plan B

Ich plane Freispiel gerne ein. Auch für Jugendliche! Und trotzdem habe ich fast immer einen Plan B im Gepäck.

Warum?

Weil ich nie genau weiss, wie eine Gruppe reagiert.

Ich habe schon alles erlebt:

  • Jugendliche mit weissen Jeans und Flipflops, die am Ende auf Bäume geklettert sind und dreckige Hosen hatten
  • Kinder, perfekt ausgerüstet mit neuer Regenhose und Wanderschuhen, die sich trotzdem keinen Zentimeter freiwillig bewegt haben

Ein Plan B kann ganz unterschiedlich aussehen und er sollte auf keinen Fall das Freispiel ersetzen, sondern lediglich ergänzen. Das heisst, du führst die Kinder ins Freispiel und wer aber überhaupt nicht weiss, was er oder sie machen soll, darf mit dir den Plan B ausführen. Das kann z. B. sein:

  • ein separates, angeleitetes Angebot (z. B. Basteln, Suchauftrag, Meditation)
  • eine kleine Werkstatt
  • ein ruhiger Einzelauftrag

💡 Wichtig ist: Freispielkinder brauchen trotzdem Begleitung. Dafür braucht es genügend Erwachsene und klare Absprachen im Team.

Plan B: Werkstatt-Posten

Eine meiner liebsten Lösungen sind Werkstätten mit offenen Posten.

Ich arbeite dafür mit laminierten Postenkarten. Die Kinder dürfen selbst auswählen, was sie machen möchten. Zum Beispiel:

  • Schnitzen mit dem Taschenmesser
  • einen Astturm bauen
  • ein Naturmandala legen
  • Lehm suchen und Waldgesichter gestalten
  • mit der Becherlupe nach Insekten forschen

Damit arbeiten die Kinder selbstbestimmt und haben trotzdem einen Anker nach dem sie sich richten können. Für viele ist das eine ideale Brücke zwischen angeleitetem Programm und freiem Spiel. Und nicht selten können sie sich nach einiger Zeit auch von ihren Posten lösen und ins freie Spiel wechseln.

Plan B: Bastelarbeit oder Suchauftrag

Ein Plan B zeichnet sich dadurch aus, dass du ihn nicht 100% begleiten musst. Auch Bastelarbeiten, die nicht viel Erklärung benötigen können hierfür funktionieren. Allerdings ist der Vorbereitungsaufwand deutlich grösser, denn du kannst vermutlich nicht immer die gleiche Bastelarbeit mitbringen.

Handwerk und Tätigsein – der unterschätzte Schlüssel

Ich bin ein grosser Fan von handwerklichen Tätigkeiten im Wald.

Schnitzen. Kochen. Brote backen. Tee zubereiten. Schüsseln aus Lehm formen.

Solche Tätigkeiten lassen Kinder oft viel schneller im Wald ankommen als jedes noch so gut durchdachte Spiel. Sie geben Halt, Sinn und ein klares Tun! Und so ganz nebenbei öffnen sie Räume für Gespräche, Beobachtungen und eigenes Entdecken.

Wenn du also eine Gruppe in den Wald führst, wo du so gar nicht sicher bist, ob sie sich auf den Naturort einlassen können, dann plane unbedingt handwerkliche Tätigkeiten ein.

Wildnispädagogische Elemente als sanfte Einladung

Auch wenn ich eine Waldpädagogin alter Schule bin, so schaue auch ich sehr gerne über den Tellerrand und probiere neue Dinge aus. Einzelne Elemente aus der Wildnispädagogik können hier sehr unterstützend wirken.

Die Sitzplatzübung ist ein gutes Beispiel. Für ein paar Minuten (bis zu 30 Minuten, je nach Erfahrung) sitzen die Teilnehmenden an einen Platz und lauschen und beobachten, was um sie herum passiert.

Geübte Kinder und Erwachsene können das schon sehr gut, oft auch ohne irgendwelche Anleitung und auch über eine etwas längere Zeitspanne.

Ungeübten Teilnehmenden kannst du einen kleinen Auftrag geben, z. B.: lausche den Geräuschen (mit oder ohne Geräuschekarte), beobachte die Baumkronen oder zeichne etwas in dein Naturjournal.

Auch Coyote Teaching ist ein wunderbarer Ansatz. Dabei wird Wissen nicht direkt vermittelt, sondern über gezielte Fragen, kleine Rätsel und Irritationen selbst nach einer Lösung gesucht. Anstatt Antworten zu liefern, hält sich die begleitende Person bewusst zurück und lädt die Kinder dazu ein, selbst zu beobachten, zu kombinieren und Vermutungen anzustellen. Typisch für Coyote Teaching sind offene Fragen wie: „Was glaubst du, warum…?“, „Was fällt dir hier auf?“ oder „Was könnte passiert sein?“. Die Kinder kommen so ins eigene Denken und Forschen – ohne Leistungsdruck und ohne richtig oder falsch. Gerade für Kinder, die im Wald noch unsicher sind, kann diese Form der Begleitung eine sanfte Brücke sein zwischen Freispiel und angeleiteter Aktivität.

Kleine Impulse, damit es mit dem Freispiel vielleicht doch noch klappt

Es gibt sie, die Kinder, die eigentlich gerne Spielen würden, aber irgendwie nicht richtig wissen, wo sie anfangen sollen. Da empfehle ich dir natürlich nicht unbedingt auf einen Plan B zurückzugreifen, sondern das Kind ins Freispiel zu führen.

Hierbei können gezielte Fragen helfen:

  • „Was würdest du hier bauen, wenn du nichts erklären müsstest?“
  • „Wo würdest du dich verstecken, wenn du ein Tier wärst?“
  • „Was fühlt sich hier weich, hart oder kalt an?“
  • „Was verändert sich, wenn du fünf Minuten sitzen bleibst?“
  • „Was würdest du mit nach Hause nehmen, wenn du dürftest?“

Entscheidend ist deine innere Haltung dabei. Du stellst diese Fragen nicht, um Antworten zu bekommen. Du stellst sie, um einen Denk- oder Wahrnehmungsprozess anzustossen.

Danach trittst du einen Schritt zurück. Du beobachtest. Du greifst nicht sofort ein. Du hältst die Stille aus.

Manche Kinder brauchen mehrere solcher Anstupser. Andere greifen einen Gedanken auf und sind plötzlich eine halbe Stunde vertieft. Beides ist völlig okay.

Es ist übrigens auch okay, wenn du als LeiterIn mit einem Kind eine Hütte baust oder ein Labyrinth erstellst. Glaube mir, ihr werdet nicht lange alleine sein 😉

Weniger Programm – mehr Vertrauen

Freispiel im Wald braucht Zeit. Vertrauen. Und manchmal auch Mut zum Aushalten. Nicht jeder Waldtag muss perfekt sein. Nicht jede Minute muss gefüllt werden.

Ich möchte dich ermutigen eine Plan-B-Werkstatt zu erstellen, so dass du immer ein paar Arbeiten mit dabei hast, die Teilnehmende tun können wenn andere schon im Freispiel vertieft sind.

„Du kannst nur gewinnen wenn dein Mut grösser ist als deine Angst vor dem Verlieren.“
Nelson Mandela

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